Buchempfehlungen: Stephen King (Teil 2)

In den fast sechs Jahren, in denen diese Seite schon existiert, ist der Text über meine Stephen King Buchempfehlungen der am häufigsten geklickte. Und das mit weitem Abstand! Liegt es an der ungebrochenen Popularität des Autors oder habe ich in Sachen SEO bei jenem Eintrag einfach nur voll ins Schwarze getroffen? Vermutlich ist es eine Mischung aus beidem. Es wird also höchste Zeit für eine Fortsetzung, um Lesefreudigen den Herbstbeginn zu versüßen. An dieser Stelle möchte ich auch ausdrücklich die Hörbücher empfehlen, die man wunderbar bei Spaziergängen o.ä. „weghören“ kann. Hierzulande werden Kings Werke in der Regel von David Nathan vorgelesen, der mit seiner markanten Stimme perfekt zu den Geschichten passt. (Hinweis: In Klammern steht jeweils das Jahr der US-Erstveröffentlichung.)

Menschenjagd (1982)

Menschenjagd ist einer der Romane, die King unter seinem Pseudonym Richard Bachman (siehe hier) veröffentlichte. Beim Originaltitel The Running Man werden viele vermutlich an die 1987er Verfilmung mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle denken, welche mit der Vorlage aber nur wenig zu tun hat. Ist der Film ein typischer, greller Actioner der 80er, versteht sich das Buch als dystopische Gesellschaftskritik. Der Protagonist Ben Richards ist hier kein zu Unrecht angeklagter Polizist, sondern einfach nur ein verarmter Familienvater. Er nimmt an der titelgebenden Show teil, um seiner kranken Tochter die nötige Medizin kaufen zu können. Dazu wird er einen Monat lang von gnadenlosen Jägern durch das ganze Land gehetzt, und für jede überlebte Stunde erhält seine Frau ein wenig Geld. Mit seinem Überleben rechnet Richards von Anfang an nicht.

Vielleicht das beste Bachman-Buch: Die Gesellschaft ist von Kapitalismus zerfressen und die Ärmsten der Armen sind diejenigen, die vom System als erstes zertrampelt werden. Menschenjagd spielt in einer Welt, die unserer gruselig nahekommt. Das ganze Buch durchzieht ein Gefühl von Machtlosigkeit gegenüber „denen da oben“, die für ihr Entertainment Menschen über die Klinge springen lassen (Die Spiele in Menschenjagd). Selbst die Kapitelnamen, ein herunterlaufender Countdown, lassen nur einen Schluss zu: Ben Richards hat keine Chance! Als Leser*in ist man daher sofort auf seiner Seite und freut sich, wenn der überraschend kluge Mann seinen Jägern mehr Arbeit macht, als diese erwartet haben. So gerne ich Arnie mag, so sehr wünsche ich mir doch eine adäquate Verfilmung des Stoffes.


Die Augen des Drachen (1987)

Zwei Prinzen, ein böser Zauberer, ein bedrohtes Königreich … Die Augen des Drachen ist für King ungewöhnlich. Der Versuch, ein reines Märchen zu schreiben, ist ihm recht gut geglückt. Dazu benutzt er zahlreiche Stilmittel, die man eher aus Geschichten in der Kindheit kennt. Beispielsweise spricht er seine Leser*innen gerne direkt an. („Auch jetzt muss ich euch noch einmal sagen, ich glaube nicht, dass er jemals ein böser Junge war.“) Natürlich kann der Autor nicht ganz aus seiner Haut und baut zahlreiche dunkle Elemente ein. Aber andererseits gab es die bei den Gebrüdern Grimm auch, wenn man mal darüber nachdenkt.

Etwas für Komplettisten: Die Augen des Drachen sollte nicht ganz oben auf der Einkaufsliste stehen. Für Fans ist es aber ein interessantes, weil ungewöhnliches Buch, dass zudem zahlreiche Verbindungen zu anderen Geschichten Kings enthält. Namen wie Flagg und Roland sind natürlich klare Verweise auf Der dunkle Turm, aber auch The Stand oder Todesmarsch tauchen am Rande auf.


The Stand (1978/ komplette Fassung im Jahre 1990)

Es führt viele Bestenlisten an, es gilt als sein Magnum Opus und es ist sein längstes Buch – an The Stand kommt man als Fan nicht vorbei. Die Geschichte einer Welt, die von einem Virus fast ausgerottet wird, und in der die Überlebenden sich in zwei Lager spalten, kann man durchaus mit dem überstrapazierten Wort „episch“ beschreiben. Die Jünger von Mutter Abagail gegen die militärisch überlegende Truppe des diabolischen Randall Flagg (ja, auch hier treibt er sein Unwesen) um die Zukunft der Menschheit. Größer kann es kaum werden.

Weil das Buch erwähnt werden muss: Das erste Drittel hat die Popkultur geprägt! Das Virus rottet die Menschheit nahezu aus, die Überlebenden verzweifeln oder bringen sich gegenseitig um und ziehen durch leere Städte voller Leichen. Elemente davon finden sich beispielweise in The Walking Dead oder The Last of Us. In diesen Momenten hatte The Stand mich – Larrys Weg durch den stockdunklen Tunnel werde ich niemals vergessen. Leider mag ich die Fortführung mit dem immer stärker werdenden Fokus auf Religion nicht besonders. King hat mitnichten einen Bibeltext geschrieben, aber ich mochte den bodenständigeren Teil der Story lieber als die übernatürlichen Elemente und das Deux Ex Machina-Ende. Dank der zahlreichen gelungenen Figuren funktioniert The Stand aber natürlich als Gesamtwerk am besten. Seine Popularität hat schließlich einen Grund.

Ohne Worte

Dead Zone – Das Attentat (1979)

Die fiktive Kleinstadt Castle Rock (die natürlich in Maine liegt) nimmt eine besondere Stellung ein, weil sie immer wieder vorkommt und einige der bekanntesten Romane hier spielen oder damit zu tun haben. Cujo trieb hier sein Unwesen, vier Schuljungen suchten in den Wäldern Castle Rocks Die Leiche und der Schriftsteller Thaddeus Beaumont stellte sich seinem Alptraum Stark – The Dark Half. Das Attentat ist der Auftakt des sogenannten „Castle-Rock-Zyklus“ und weit davon entfernt, Horror zu sein. Es geht um Trauma, Verlust und Schicksal. Das macht es so gut.

Die Geschichte eines verlorenen Mannes: Johnny Smiths Schicksal nimmt den Leser gefangen. Aus einem fünfjährigen Koma erwacht, muss er verarbeiten, dass seine einstige Freundin nun verheiratet und Mutter ist. Außerdem hat er hellseherische Fähigkeiten entwickelt, die zu zum Guten einsetzen will. Bis er erkennt, dass nur den Dritten Weltkrieg verhindern kann … Wer nun nicht wissen will, wie Das Attentat ausgeht, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Die Verfilmung mit einem sich ungewöhnlich zurückhaltenden Christopher Walken in der Hauptrolle ist übrigens als gelungen zu bezeichnen.


Die Arena (2009)

Platz Drei der längsten Romane von King – ihr wisst also, was auf euch zukommt. Ursprünglich begonnen (und wieder abgebrochen) in den 80er Jahren, ließ er sich für Die Arena deutlich vom Zeitgeschehen der frühen 2000er leiten. Die USA waren traumatisiert von 9/11 und suchten möglichst schnell einen Schuldigen. Wie die Lage eskalieren kann, wenn zur falschen Zeit die falsche Person an der Macht ist, verdeutlicht er mit der Figur „Big“ Jim Rennie. Er bezeichnete ihn mal als die Romanfigur, mit der er sich am wenigsten identifizieren kann. („Er ist so grausam und doch so plausibel.“) Die Arena funktioniert aber auch ohne diese zweite Ebene. Die Geschichte von einer Kleinstadt, die von einem seltsamen Kraftfeld von der Außenwelt abgeschnitten wird und deren Einwohner sich nach und nach an die Gurgel gehen, ist dafür stark genug. Das Ende gilt als Musterbeispiel des (falschen) Klischees, King könne keine guten schreiben. Überragend finde ich es nicht, aber es wird immerhin früh aufgebaut und hat zumindest mir nicht die Freude am Buch zerstört.

Von der Kunst, lange Werke spannend zu halten: Die Arena ist voller Charaktere und Handlungsstränge. Beeindruckend ist dabei, dass man jedem einzelnen davon folgen möchte und immer tiefer in den Sog der Geschichte gerät. Das isolierte Chester’s Mill wird nach und nach so lebendig, dass man eine Karte davon zeichnen könnte. Nur eine Sache muss noch erwähnt werden – Finger weg von der grauenhaften TV-Adaption!


Nachtschicht (1978)

Sammlungen mit Kurzgeschichten von Stephen King gibt es einige, aber keine ist besser als Nachtschicht! Der Vorteil an dieser Art des Storytellings ist, dass man als Autor kein exzessives Vorstellen der Figuren und der Welt betreiben muss. Beides etwas, wo King es manchmal übertreibt und was auch auf meine Schreibweise abgefärbt hat. Mir gefällt ein langsamer Aufbau also, aber wer es kurz und knackig mag, sollte sich Nachtschicht dringend ins Regal stellen.

Stephen King – auf den Punkt: Nachtschicht ist vielleicht die beste Möglichkeit, ihn kennenzulernen. Thriller, Space Horror, morbider Humor oder Body Horror, er deckt so ziemlich alles ab, was man auch in seinen Romanen finden kann. Manche Geschichten verweisen auf andere Bücher wie Brennen muss Sarlem oder The Stand,manche sind einfach nur herrlich albern. Die über den von einem Dämon besessenen Wäschemangler (!) hat es sogar zu drei (!!) Filmen gebracht. (Warum auch immer?) Meine Favoriten sind der mit einer herrlich perfiden Prämisse Thriller „Der Mauervorsprung“ und der eindeutig von H.P. Lovecraft beeinflusste Space Horror „Ich bin das Tor“.


Schlaflos (1994)

Langatmig, zäh, wirr … all das kann man über Schlaflos lesen und jeder dieser Kritikpunkte ist nachvollziehbar. Die Geschichte des an Schlaflosigkeit leidenden Rentners Ralph Roberts braucht ihre Zeit, um in die Gänge zu kommen. King selbst geht mit dem Buch hart ins Gericht und bezeichnet es als „ungelenken, bemühten Versuch“. Warum es dennoch hier erwähnt wird?

Love it or hate it: Ich habe Insomnia meistens in den späten Abendstunden gelesen. Vielleicht hat es deshalb so gut bei mir funktioniert. Die Visionen Ralphs wurden vor meinem geistigen Auge lebendig und auch die zum Ende sehr deutlichen Verbindungen zu Der dunkle Turm sorgten für Pluspunkte. Außerdem spielt der Roman in Derry, wo auch ein gewisser Clown sein Unwesen trieb. Man fühlt sich also gleich heimisch. Es ist also keinesfalls eine uneingeschränkte Empfehlung, aber diese Liste würde sich für mich ohne Schlaflos nicht vollständig anfühlen.


Wahn (2008)

Für einen Autor, der so viel veröffentlicht, hat King eine beeindruckende Trefferquote. Wie Schlaflos gilt auch Wahn allerdings als eines seiner schwächeren Werke. Konnte ich das bei erstgenanntem Buch noch irgendwie nachvollziehen, widerspreche ich bei Duma Key entschieden. Die Geschichte des bei einem Unfall verkrüppelten Edgar Freemantle, der sich der Malerei widmet und damit die Realität beeinflusst, hat mich von Seite Eins an fasziniert.

Der Geheimtipp: Wahn hat alles. Drama, Emotionen, Horror und sogar etwas Comedy. Langsam und methodisch werden die Grenzen der Realität verschoben, bis man sich in einem ähnlichen Zustand befindet wie Edgar Freemantle. Mit seinen Bildern holt der Protagonist einen abstrakten, nicht mehr zu stoppenden Horror in die Welt, der im Kopf noch nacharbeitet, wenn das Buch schon längst wieder auf dem Nachtschrank liegt. Einer von Kings besten Romanen!


In einer kleinen Stadt (1991)

Seinerzeit als „Abschluss des Castle-Rock-Zyklus“ angekündigt, ist Needful Things auch das beste Werk davon. Die Prämisse ist nahezu perfekt für Kleinstadt-Horror. Ein mysteriöser Fremder kommt in das verschlafene Castle Rock und eröffnet ein Geschäft. Hier scheint sich für jeden etwas zu finden. Der charismatische Besitzer Leland Gaunt verlangt erstaunlich geringe Preise für seine exzellenten Waren, bittet seine Kunden aber, ihren Mitmenschen harmlose Streiche zu spielen. Nur langsam wird klar, welch perfides Spiel der Fremde eigentlich treibt.

Ein langsamer Abstieg in die Hölle: Das Buch ist abermals recht lang (Platz 9 in der Top Ten der längsten Romane Kings) und dennoch ein wahrer „page-turner“. Daher kann man von der Verfilmung eher abraten, wo viel gestrichen werden musste. Sehenswert ist diese eigentlich nur wegen Max von Sydow, der Leland Gaunt mit sichtbarer Freude herrlich diabolisch spielt. Gaunt ist auch das Beste an diesem Buch und einer von Kings besten Antagonisten. In einer kleinen Stadt funktioniert bei mir nochmal besser, weil ich ebenfalls aus einer Kleinstadt stamme und genau weiß, wie sich die Leute dort untereinander angiften können. Zum Glück hat Leland Gaunt bei uns noch kein Geschäft eröffnet …


Das Institut (2019)

Für manche Sachen hat er einfach ein Faible. In diesem gerade mal drei Jahre alten Buch verfrachtet King gleich mehrere übersinnlich begabte Kinder in Das Institut. Hier werden sie gezwungen, ihre Fähigkeiten für die skrupellose Direktorin Mrs. Sigsby und ihre Mitarbeitet einzusetzen. Der zwölfjährige, hochbegabte Luke Ellis sticht den Verantwortlichen ins Auge, weshalb sie ihn aus seinem vertrauten Leben reißen und solange foltern, bis sich auch seine latenten telekinetischen Fähigkeiten offenbaren. Doch Luke gibt nicht auf und plant eine waghalsige Flucht, um seine Freunde zu retten.

Er kann es immer noch: Ein neues Buch, was sich klassisch anfühlt. Die Manifestation der kindlichen Macht erinnert an ES, das grauenerregende Institut hat etwas von Sunlight Gardeners „Bibelheim für gestrauchelte Jungs“ aus Der Talisman. King-Fans werden sich also sofort heimisch fühlen und darüber freuen, dass er auch fast fünfzig Jahre nach seinem Debüt Carrie (ebenfalls lesenswert) noch fesselnde Geschichten zu erzählen vermag.

Ein Gedanke zu “Buchempfehlungen: Stephen King (Teil 2)

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